Interview mit Lothar Matthäus, 21.April 2007  


„Ich hatte 5 prägende Jahre in Gladbach mit viel Freude und Spaß“
Exklusivinterview mit Lothar Matthäus für alle Fans von Borussia Mönchengladbach
Das Gespräch führte Elmar Luger vom BFC Alpenborussen

Wir treffen Lothar Matthäus am Samstag (21.04.07) vor dem österr. Bundesligaspiel gegen Rheindorf Altach (2:0 für Salzburg, Tore von Lokvenc und Jezek) im Dornbirner Nobelhotel Sheraton im 11. Stock des Panoramahauses, dem heimlichen neuen Wahrzeichen der 9. größten Stadt Österreichs. Wir sind nach dem Mittagessen verabredet. Pünktlich erscheint Lothar zum Gespräch. Es entwickelt sich in angenehmer Atmosphäre ein ausführliches interessantes Gespräch zu unterschiedlichen Themenbereichen, welches mehr als eine Stunde dauerte. Mein Eindruck: Lothar kommt im persönlichen Gespräch weitaus fachlicher und sympathischer rüber als dies über die Medien der Fall zu sein scheint. Gerade für Borussiafans dürfte dies eventuell interessant sein. Er spaltet ja wie kein Abgang zuvor die Fangemeinde...


Hallo Herr Mätthäus, herzlichen Dank dass Sie sich für die Fangemeinde von Borussia Mönchengladbach vor dem wichtigen Bundesligaspiel gegen Rheindorf Altach Zeit nehmen. Sie sind jetzt fast ein Jahr in Österreich – welchen Eindruck haben Sie vom österr. Fußball?
Österreichs Fußball ist sicher zweitklassig. Fußball hat leider gesamtgesellschaftlich nicht den hohen Stellenwert, wie es beispielsweise „Schifahren“ hat. Oft fehlt es auch an infrastrukturellen Voraussetzungen. Aber wie so vieles im Leben bedingt das eine das andere: Weniger öffentliche Aufmerksamkeit – weniger Werbeeinnahmen – weniger Fernsehgelder – weniger gute Spieler usw.

Wie beurteilen Sie die Vorgangsweise rund um die beiden Grazer Vereine (Anm.: Sowohl Sturm Graz als auch der Grazer AK sind während der laufenden Saison in massive wirtschaftliche Turbulenzen geraten, sodass in Österreich Kritik am Lizenzierungsverfahren der Bundesliga geäußert wurde)?
Es geht da leider nicht nur um die Grazer Vereine – es geht da um den gesamten österr. Fußball. Mit Tirol und auch mit Salzburg gab es in den letzten Jahren ähnliche Schwierigkeiten. Der Fußball präsentiert sich hier leider ziemlich schlecht. Oft vergessen Unternehmer, dass sie einen Fußballverein nicht nur wie ein Unternehmen zu führen haben. Es braucht auch die sportliche Kompetenz. Dafür ist Bayern München immer noch europa-, wenn nicht weltweit Vorbild.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Salzburg und wie lange haben Sie noch Vertrag?
Ziel beim Amtsantritt war es, rasch eine schlagkräftige Mannschaft zusammenzubauen, die Meister werden kann. Darüber hinaus will sich Salzburg rasch international in Champions-League oder UEFA-Cup etablieren. Mein Vertrag läuft ein Jahr plus Option auf ein weiteres Jahr.

Wie kam es eigentlich zum Brasilienengagement und warum war das so schnell zu Ende? War es wirklich eine Flucht?
Nein. Keine Flucht. Ich habe mein Engagement in Brasilien einvernehmlich mit dem Präsidenten ordnungsgemäß beendet. Ich habe die Situation, dass ich längere Zeit ohne meine Familie sein kann, schlichtweg falsch eingeschätzt. Wir waren in dieser Zeit sehr erfolgreich. Bei 10 Spielen waren es 8 Siege und 2 Unentschieden. Ich will die Erfahrungen in Brasilien nicht missen.

Wie gehen Sie mit Kritik um – auch wenn sie schon längere Zeit zurückliegt?
Ich stelle mich jeder Kritik. Es geht dabei auch um den Austausch der Argumente. Ich kritisiere, kann aber auch Kritik gut einstecken und damit umgehen. Gegen was ich mich jedoch verwehre sind Ungerechtigkeiten. Es kommt heute noch vor, dass mir teilweise nachgesagt wird, ich hätte den Elfmeter 1984 gegen Bayern München absichtlich verschossen. Das ist absoluter Blödsinn. Aber es ist nun mal Fußballgeschichte.

Jetzt, wo wir bei der Borussia angelangt sind – welche Erinnerungen verbinden Sie mit Borussia Mönchengladbach?
Ausschließlich positive Erinnerungen. Borussia, dem Umfeld, den Fans habe ich es zu verdanken, dass ich das bin, was ich heute bin. Borussia gab mir die Chance für die Bundesliga. Die 5 Jahre waren sehr prägend für mich.

Wie war Jupp Heynckes als Trainer – wie haben Sie ihn als jungen Spieler erlebt?
Jupp habe ich viel zu verdanken. Er war mein Mentor. Im Training stellte er den Ball in den Mittelpunkt, fußballerische Werte waren für ihn sehr sehr wichtig.

Borussia ist – leider – so gut wie abgestiegen. Schmerzt das einen ehemaligen Borussen, der zusehen muss, wie der Verein in die 2. Liga geht?
Ja, klar. Ich verfolge die Borussia und den deutschen Fußball aufmerksam. Es wird wieder einen Umbruch geben. Wichtig ist, dass es Christian Ziege und sein Team schaffen, eine schlagkräftige Truppe auf die Beine zu stellen, welche zumindest um den Aufstieg mitspielen kann. Denn ein Selbstläufer wird der Aufstieg sicher nicht. Siehe Köln, 1860, Lautern, Freiburg usw.

Zu welchen Erkenntnissen kommen Sie aus Ihren Beobachtungen rund um Borussia?
Borussia hat im Vergleich zu meinen Bökelbergzeiten mit dem Trainingsgelände und dem Stadion beste infrastrukturelle wirtschaftliche Möglichkeiten geschaffen. Doch leider hinkt der Bereich „Sport“ sowohl den Ansprüchen als auch diesen Möglichkeiten hinterher. Es ist anzuerkennen, was hier Präsident Königs und sein Team geschaffen hat. Alle Achtung. Doch im sportlichen Bereich hat es zu viele Fehlentscheidungen in den letzten Jahren gegeben. Zu viele Spieler und Trainer sind gekommen und wieder gegangen. Borussia hat kein Gesicht mehr. Einige Spieler haben wahrscheinlich zu sehr nur ihre persönlichen wirtschaftlichen Vorteile gesehen und -fast- völlig darauf vergessen, dass Leistung nur mit Gegenleistung zu begleichen ist. Doch hinterher sind alle klüger. Hoffentlich schafft es Christian Ziege, der ja quasi vom Lehrling zum Chef befördert wurde, wieder mehr Kontinuität und dann auch den Erfolg einzubringen.

Welche Empfehlungen haben Sie für die Borussia?
Die Mannschaft braucht wieder ein Gesicht. Das muss jedoch wachsen. Jetzt muss dafür die Basis gelegt werden. Die neuen Spieler müssen 100%ig passen. Berti Vogts hatte mal vor 2 Jahren so ein Konzept mit Bonhof, Simonsen und mir ausgearbeitet und dem Präsidium vorgelegt. Wir waren bereit, Verantwortung für die Borussia zu übernehmen. Leider haben wir nichts gehört.

Kennen Sie Präsident Königs?
Nein, ich wollte ihn mal kennenlernen und habe über einen Mittelsmann anfragen lassen. Doch leider habe ich nie mehr etwas gehört. Ich wünschte, wir könnten mal unverbindlich gemeinsam an einen Tisch sitzen und uns austauschen. Vorurteile über Menschen verliert man am ehesten in einem persönlichen Gespräch.

Welchen Spielertypen würden Sie denn jetzt zur Borussia holen?
Es müssen Spieler sein, die sich voll und ganz auf die Borussia konzentrieren und stolz darauf sind, für diesen Verein zu spielen und mit diesem etwas erreichen zu wollen. Der Verdienst darf nicht im Mittelpunkt stehen. Die Spieler müssen – wie die Fans – die Raute im Herzen tragen. Sie müssen charakterlich einwandfrei, ehrgeizig, lernbereit, erfolgsorientiert und eine sehr gute fußballerische Grundausbildung genossen haben. Es gibt solche Leute. Man soll vielleicht auch mal den Blick nach Osteuropa richten. An Christan Ziege und seinem Team liegt es, diese Spieler zu finden. Dazu wünsche ich viel Glück.

Vorausgesetzt Sie werden bei Borussia in irgendeiner Funktion wieder aktiv – wie würden Sie Ihre Aufnahme bei Fans und Umfeld einschätzen?
Es wird mit Sicherheit einige geben, die wegen der 1984-er Geschichte pfeifen. Doch ich bin mir sicher, dass sich das legt, sobald wir gemeinsam Erfolg haben. Auch bei Rapid Wien war ich nicht unumstritten. Da habe ich veranlasst, dass ich mich mit den Fanclubs treffe und mich stelle. Mit vielen Menschen verstehe ich mich ja nach wie vor gut. Von meiner Seite her würde ich ein Engagement bei Borussia nie ausschließen.

Welche Eigenschaften muss ein Trainer haben?
Ein Trainer muss stark sein, weltweite Kontakte haben, er muss wissen, wie Spieler zu begeistern und so zu motivieren sind, sodass sie mit der letzten Phase ihres Körpers auch die Leistung abrufen. Psychologische Grundkenntnisse sind sicher auch wichtig. Darüber hinaus muss der Trainer sicher auch ein Vorbild sein. Gerade im Führen von jungen Spielern ist das eine unumgängliche Voraussetzung. Du kannst nicht von „gesunder Ernährung“ reden und selbst nur Schweinsbraten essen. Wenn du als Spieler erfolgreich warst, hast du als Trainer oder auch als Sportdirektor bei den Spielern automatisch eine andere Autorität. Siehe Franz Beckenbauer.

Welches war Ihr wichtigster Trainer in der Karrierre?
Da möchte ich keinen herausheben. Alle waren wichtig. Hitzfeld, Heynckes, Trappatoni, Ribbeck, Vogts...

Welche Trainerstation (Anm.: Rapid Wien, Partizan Belgrad, Atletico Paranense, Ungarn, RB Salzburg) hat sie bisher am meisten geprägt?
Alle Trainerstationen haben mich sehr geprägt. Man lernt immer und überall dazu. Auch das kurzfristige Brasilienengagement möchte ich nicht missen. Auch die Erfahrungen bei Rapid mit dem Präsidenten Edlinger. Mit Partizan Belgrad die Championsleague und die Möglichkeit, mit jungen hungrigen Spielern erfolgreich zu arbeiten. Mit Ungarn die Ebene der Nationalmannschaft kennenzulernen. Und nicht zuletzt hier bei RB Salzburg mit Giovanni Trappatoni zusammenarbeiten zu dürfen...

Ihr schönstes Tor für Borussia? (Anm.: Es waren 36 Tore in 162 Spielen, die er für Borussia erzielt hat)
Das 2.0 gegen Magdeburg im UEFA Cup 1981 und ein Feistoßtor gegen den HSV in der Saison 1982/83 fallen mir spontan ein.

Könnten Sie sich vorstellen, Nationaltrainer in Deutschland oder Österreich zu werden?
Im Fußball ist alles möglich.

Wer wird Europameister?
Noch läuft ja die Qualifikationsrunde und einige große Nationen sind da vielleicht gar nicht dabei. Deutschland hat in jedem Fall die Qualität Europameister zu werden.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Uli Hoeneß? Er hat ja mal gesagt, Sie würden nicht mal Platzwart beim FC Bayern werden...
Die Unstimmigkeiten sind zwischenzeitlich vollkommen ausgeräumt. Das hat er ja auch zu meiner positiven Überraschung öffentlich im DSF einer breiten Öffentlichkeit mitgeteilt.

Herr Matthäus, herzlichen Dank für das ausführliche Gespräch. Wie Sie wissen, wird das Interview auch auf diversen Fansites von Borussia veröffentlicht.
Ebenso herzlichen Dank. Grüßen Sie mir alle Fans..


Linktipps:
Lothar in Wikipedia
Private Site
Lustige Sprüche bzgl. LM
Lothars 1. Radiointerview