Rad - Reiseberichte_Slowakei

Wohin fährt der Mountainbiker, der fünf Tage im Sommer Zeit hat, die Reviere im Umkreis von Wien kennt und dem die Wetterprognose für eine Alpenüberquerung zu unsicher ist? Gleich östlich des Stadtgebietes von Bratislava erstreckt sich eine durchaus interessante Landschaft, die ich von früheren Kurztouren als absolut befahrbar kennen gelernt habe. Da es über den als „kleine Karpaten“ bezeichneten Gebirgszug und auch die daran ostwärts anschließenden Mittelgebirge keinerlei Tourenbeschreibungen (auch nicht in den diversen Bike-Foren im Internet) gibt und ich bei früheren mehrtägigen Rennradfahrten in der Slowakei zum Schluss gekommen bin, dass sich die Landschaft auch für Mountainbike-Fahrten eignen müsste, erwachte schnell ein ähnlicher Pioniergeist wie damals Ende der 80 Jahre, als ich - mit dem Wienerwaldatlas bewaffnet – ausprobierte, welche markierten Wanderwege für mich und mein erstes Bike fahrbar waren... Als ungefährer Anhaltspunkt für die Route sollte der Weitwanderweg E 8 dienen, der die gesamte Slowakei von der polnischen Grenze bis Bratislava durchquert und dann in Österreich weiterführt.


Also Mountainbike und Gepäck in Wolfsthal aus der Schnellbahn gehoben, auf dem Radweg an der Autoschlange vorbei zur Grenzstation Berg, dort gleich Geld gewechselt, und auf dem Donauradweg zur ersten Brücke (auf dieser Strecke verläuft auch der E 8). Die Durchquerung des Stadtgebietes erfolgt danach auf kleinen (steilen) Fahrwegen. Einmal müssen ein paar Treppen umfahren werden. Noch im Stadtgebiet endet der Asphalt und ein schattiger Weg führt auf den Hausberg der Pressburger, den Kamzik. Vom Würstelstand bis zum Best-Western-Hotel und einer Sommerrodelbahn ist dort alles vertreten.

Wegen ansprechender Auf- und Abfahrtsmöglichkeiten ist der „Kahlenberg“ von Bratislava auch bei den einheimischen MountainbikerInnen beliebt. Die folgenden 25 km bis zum „sedlo Baba“ (hier schneidet der E 8 die einzige Asphaltstraße, die den Gebirgszug in der Nähe der Hauptstadt in Nord-Süd-Richtung durchquert) bietet eine flotte Fahrt über Singletracks, schmale und breitere Wege und sogar ein paar Kilometer über eine asphaltierte, aber verkehrsfreie Forststraße.

Beim Gasthaus auf der Passhöhe (auch Übernachtungsmöglichkeit) zeigt ein Blick auf den Computer, dass ich bereits 950 Höhenmeter zurückgelegt habe – ich beschließe, die dabei verbrauchten Kalorien durch ein (verspätetes) Mittagessen zu ersetzen. Da die anderen Gäste ausschließlich MotorradfahrerInnen aus Österreich sind, die zwischen den Gängen schnell ins Tal und – offenbar mit der Stoppuhr (die Strecke von Pezinok zur Passhöhe dürfte bei MotorsportlerInnen beliebt sein) – die Kurven hinauffahren, bin ich froh, der damit verbundenen Lärmentwicklung bald entkommen zu können und freue mich auf eine angenehme Fortsetzung der bisher durchaus gemütlichen Fahrt.

Schon 500 m nach der Passhöhe (der soeben gegessene gebackene Käse liegt so richtig schön im Magen) beginnt ein Steilanstieg, der mit meinem Gepäck und dem mit gutmütiger Touren-Geometrie ausgestatteten Fahrrad nicht zu bewältigen ist – also schieben! Während des bald folgenden Downhills hat der rechte Bremshebel plötzlich sehr viel Spiel – anhalten und Bremszug nachstellen (Gedanke: komisch, Beläge sind doch fast neu, staubtrocken ist es auch, schon abgenutzt?, egal, der Weg ist super, weiter geht’s....). Verdächtige metallische Geräusche am Hinterrad nötigen mich zum neuerlichen Anhalten zwecks Kontrolle und siehe da – ein (austauschbarer) Bremsbelag hat sich aus der Halterung verabschiedet (der Sicherungsstift ist weg), auf einer Seite wird mit dem Bremsschuh gebremst. Während ich mit gezogener Vorderbremse hinunterzittere, muss ich mich mit dem Gedanken anfreunden, die begonnene Tour noch heute wieder zu beenden – es ist Samstag Nachmittag...

Auf einer Wegkreuzung raten mir zwei einheimische Bergradler, in den Ort Modra ins Tal abzufahren. Dort gäbe es ein Bike-Shop, das am Samstag allerdings nur bis 12 Uhr geöffnet habe. Mit funktionierenden Bremsen wäre die folgende Abfahrt durchaus interessant, so gestaltet sie sich als etwas mühsam. Der historische Ortskern von Modra interessiert mich jetzt nicht. Ich brauche Bremsbeläge – also Ausschau nach Bikern gehalten, um nach dem Radgeschäft zu fragen! Aus einem Bierlokal kommend schwingt sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Pensionist auf sein Billigrad. Egal, ich kann nicht warten, bis der slowakische Cross-Country-Meister mit mehr Fachwissen über höherwertige Teile vorbeikommt. Also hin, auf meine Bremse gedeutet und nach dem Bike-Shop gefragt. Mit deutschen Wortbrocken wird mir erklärt, dass dieses geschlossen habe, aber auf mein hartnäckiges Ersuchen zeigt er mir das etwas abseits gelegene Geschäft. Die Türe ist zwar verschlossen, aber der Inhaber mit seinen Söhnen ist noch drinnen. Der Tag ist gerettet! Zu einem absoluten Diskontpreis (ich hätte auch das fünffache bezahlt!) werden mir Bremsbeläge aus slowakischer Produktion in poppigem Gelb montiert und weiter geht’s.


Die soeben gefahrene Abfahrt (rot markierter Wanderweg von Modra nach Piesok) ist auch in umgekehrter Richtung nett, nur das Wetter macht Sorgen. Piesok, zuvor von mir nicht weiter beachtet, ist eine lose Ansammlung von Ferienhäusern und Gastgewerbebetrieben, die entlang der Stichstraße und in den umliegenden Wäldern verstreut sind. Der während meiner Kaffeepause im Hotel „Zochova Chata“ einsetzende Regenguss veranlasst mich, gleich nach einem freien Zimmer zu fragen. Der erste Tag endet somit nach 67 km und 1663 zurückgelegten Höhenmetern. Das Doppelzimmer ist zwar für Einzelreisende nicht ganz billig, aber wo sieht man noch eine stilsichere Zimmerausstattung im 70er-Jahre-Look (braun-orange großgemusterte Tapete mit passenden Beleuchtungskörpern)?

 


2. TAG

Der blau markierte Weg, der mich wieder auf den E 8 bringen soll, führt anfänglich auf einer asphaltierten Forststraße – normalerweise nicht der von mir mit dem MTB bevorzugte Untergrund, aber nach den Regenschauern vom Vorabend nicht das schlechteste. Der E 8 stellt sich mit einem kurzen Steilanstieg zum Gipfel „Taricove Skaly“ vor und wird dann überraschenderweise absolut unfahrbar.Glücklicherweise ist das Terrain mittlerweile aufgetrocknet, da die folgende Tragepassage über steilen Fels hinab in den Wald bei Nässe sicher kein Vergnügen wäre ...

Kurz danach verlasse ich den E 8, da der Wegabschnitt über den zweithöchsten Gipfel der kleinen Karpaten, den Vapenna, schon auf der Karte unfahrbar aussieht, und umfahre diesen auf der blauen Markierung, die im Winter auch einen Schiwanderweg kennzeichnet. Der Weg fällt zwar langsam bis auf eine Talwiese ab, ist aber gut zu befahren. Nach einer schönen Auffahrt – zuerst über eine nichtalsphaltierte Forstraße mit Blick auf den felsigen Vapenna (den Höhenzug zu umfahren, dürfte die richtige Entscheidung gewesen sein), später auf einem Singletrack – benütze ich wieder kurz den E 8 zur Weiterfahrt.

Auch der folgende Wegabschnitt über den höchsten Gipfel des Gebigszuges, den „Zaruby“ (767 m), dürfte in beiden Richtungen nur mit Schiebepassagen zu bewältigen sein. Deshalb schwenke ich zum Stausee „Bukowa“, wo reger Camping- und Badebetrieb herrscht. Die in der Karte verzeichnete Unterkunftsmöglichkeit kann ich nicht entdecken. Es gibt nur einen Campingplatz mit Buffet und einigen Miethütten.


Das folgende Stück auf die Landstraße über den Ort Bukova bis zu der „Horne Mlyny“ (alten Mühle) ist schnell passiert und weiter geht es auf dem E 8 über einen kleinen Höhenrücken zur Verbindungsstraße und Bahnlinie Trnava-Senica. Nach einem kurzen Singletrack entlang der Bahngleise und über eine Straßenbrücke fahre ich auf einer Forstraße weiter. Die bisherige Erfahrung lehrt, dass sich die Wegverhältnisse auf dem E 8 rasch ändern, so auch hier. Die Forststraße geht in einen Wanderweg über und nach dem Verlassen des Waldgebietes erkennt man schon den Ort Dobra Voda (heisst „gutes Wasser“, ich lerne schnell slowakisch).

Da das einzige Restaurant im Ortsgebiet durch eine Hochzeitsgesellschaft belegt ist, muss ich einen kurzen Umweg zum neuen Schwimmbad des Ortes und der dahinter befindlichen touristischen Anlage (das dürfte die geeignete Bezeichnung sein) machen. Auf einem Hanggrundstück steht ein kleines Hotel mit Gastbetrieb und viele verstreute – offenbar zu mietende – Bungalows. Während meiner Mahlzeit wird der Führungstreffer der Brasilianer im WM-Finale lautstark bejubelt. (Was machen die deutschen Fußballer falsch, dass sie die ganze Welt gegen sich haben?) Nach den obligaten Palatschinken zum Dessert steht der Finalsieger fest, ich radle in den Ort zurück und auf dem E 8 weiter.

Kurz nach Dobra Voda lohnt sich ein Abstecher zu einer mitten in Wald gelegenen mächtigen Burgruine, leider ist das letzte Stück der Abfahrt nach Brezova asphaltiert. Auf dem nördlich des Ortes gelegenen Berg befindet sich ein monumentales Denk- (vielleicht auch Grab)mal eines slowakischen Generals namens Stefanika. (Keine Ahnung, welche von ihm vollbrachte Leistung die bauliche Umgestaltung einer ganzen Bergspitze rechtfertigt. Eine befragte Einheimische konnte mir dazu nichts sagen).


Nach einer anstrengenden Auffahrt mit kurzen Schiebepassagen bietet sich mir und vielen anderen AusflüglerInnen (es gibt auch eine asphaltierte Fahrstraße hinauf) eine schöne Aussicht, u.a. auf mein morgiges Ziel, den Berg „Velka Javorina“. Eine kurze Abfahrt entlang einer Schipiste, dann habe ich bei der darauffolgenden Auffahrt über Wiesengelände kurz den markierten Weg verloren. Die Orientierung ist aber trotzdem kein Problem. Nach 85 km und 1965 zurückgelegten Höhenmetern ist die in einem kleinen Talkessel gelegene Provinzstadt Myjava erreicht.



Weite Teile des einzigen Hotels am Platz, „Spolocensky dom“, werden gerade renoviert und mein Wunsch nach einem Zimmer löst einige Verwunderung bei den anwesenden Personen und Arbeitern aus. Irgendjemand gibt mir nach Bezahlung eines symbolischen Betrages (200 Kronen) den Zimmerschlüssel - mein Rad und ich sind die einzigen Gäste. Es gibt warmes Wasser zum Duschen und man kann so richtig in Ost-Nostalgie schwelgen (so ähnlich dürften verdiente Genossen eines rumänischen Stahlkombinates bei einem Freundschaftsbesuch in der Maschinenfabrik „Rote Fahne“ in der CSSR untergebracht worden sein). Die den Tag beschließende Pizza hat allerdings durchaus West-Qualität (zu Ost-Preisen).


3. TAG


Die Auffahrt zum (vorläufig) höchsten Punkt der Tour, dem Gipfel Velka Javorina mit 970 m Höhe (ist zugleich der höchste Berg der nördlich an die Kleinen Karpaten anschließenden Weissen Karpaten), gestaltet sich (bei trockenem Wetter, Weg dürfte ziemlich gatschanfällig sein) als fahrtechnisch einfach – die 600 Höhenmeter von Myjava werden auf einer Länge von 17 km überwunden. Erst knapp vor dem Gipfel stören zwei (fahrbare) kurze Steilstufen den Rhythmus.

Der Weg im oberen Teil bildet zugleich die Grenze zu Tschechien, die letzte Steilstufe (Markierungstafeln der Tschechischen Republik, die ein Naturschutzgebiet kennzeichnen, lassen den Schluss zu, dass dieser Wegabschnitt jenseits der Grenze verläuft), die unfahrbar sein dürfte, kann in weitem Bogen auf der von Tschechien kommenden, nur mit Asphaltresten bedeckten Forststraße umfahren werden.

Auf dem baumlosen Hochplateau des Gipfels mit weithin sichtbarer Sendeanlage treffen die Wege wieder zusammen. Auf diesem Wegabschnitt begegne ich keinem Menschen (auch keinen Zollbeamten oder Grenzschützern) und kann daher nicht recherchieren, ob ein ev. Grenzübertritt für Österreicher bzw. EU-Bürger Probleme macht (laut Karte gibt es einen Wanderweg, der manchmal auf tschechischem, dann auf slowakischem Gebiet verläuft). Offizielle Grenzübergangsstellen gibt es nur auf den Straßen im Tal. Nach kurzem Rundblick (schöne Aussicht) geht’s auf slowakischer Seite zur Schutzhütte „Holubylo Chata“, die allerdings Montag und Dienstag Ruhetag hat (gut, dass ich gestern Abend nicht der Versuchung erlegen bin, den Anstieg zum Gipfel noch zu fahren, hätte u.U. Übernachtungsprobleme gegeben).

Die folgende Abfahrt ist eine der „schwächsten“ der Tour, verläuft sie doch größtenteils auf kleinen asphaltierten Straßen bis die blaue Markierung (ab dem Gipfel ist der E 8 nicht mehr nur rot markiert) zu einer etwas verfallenen Treppe leitet, die eine mit Kiefern bewachsene Kuppe emporführt. Absteigen und Schieben ist angesagt.



Die Treppe – länger als erwartet – führt zu einem ebenfalls schon etwas verfallenen Denkmal, das offenbar an den slowakischen Nationalaufstand gegen die Nazis erinnert. Kurz an dem Relief im realsozialistischem Stil sattgesehen und dann an dem auf der anderen Seite des Hügels hinabführenden Slalom zwischen den Kiefernstämmen erfreut. Auf dem Wiesengrund im Tal campen und grillen - wie schon oft gesehen – slowakische Outdoor-Freaks (meistens im Military-Look). Die kleinen Ortschaften Lubina und Hrusove sind rasch durchquert und eine holprige Forstraße führt nach Visnove, dominiert von der mächtigen Burg am Felsen südlich des Ortes.

Ich möchte aber vorab weiter dem E 8 folgen, der als kleiner Weg zuerst der Bahnlinie, dann neben dem Bach flussabwärts führt – bis zur Abwechslung wieder eine Kletter- und Tragepassage kommt.


Der markierte Weg leitet direkt den Hang hinauf (hier muss das Bike 20 Minuten richtig hochgekämpft werden , bei Nässe nicht machbar!). Am Höhenrücken endlich angekommen gibt’s wieder eine nette Fahrt durch den Wald bis es über eine grob geschotterte Forstraße kurz steil bergab geht (für ein paar hundert Meter macht sich fast Gardasee-Feeling breit) und der Ortsrand von Nove Mesto ins Blickfeld rückt. Gleich nach dem Sportplatz lädt ein Restaurant ein – angenommen, hungrig bin ich schon.


Es ist früher Nachmittag und ich muss über die Fortsetzung der Tour nachdenken, allerdings enden meine Wanderkarten in Nove Mesto, wie und dass der E 8 ostwärts weitergeht, kann ich nur grob einer Autokarte entnehmen. Also ab ins Zentrum, Karten besorgen. Der - im übrigen gut sortierte – Fahrrad-Shop (Gott sei Dank brauche ich nichts) hat keine Wanderkarten. Aber ein Mechaniker führt mich zu einer etwas versteckt gelegenen Buchhandlung. Im danebenliegenden Park fallen schwerwiegende Entscheidungen: die Etappe bis Trencin (nächste Übernachtungsmöglichkeit) werde ich heute nicht mehr schaffen, außerdem ist ein Regen nicht auszuschließen.



Ich werde daher heute den E 8 nicht mehr weiterfahren, sondern südlich Richtung Piestany schwenken, dort übernachten und morgen weitersehen.

Der Nachmittag beginnt unspektakulär mit einer Fahrt auf der Landstraße bis Cachtice. Dort führt eine grüne Markierung zu der schon von der anderen Seite betrachteten Burg Cachticky Hrad. Vor dem Burgeingang geht es gleich nach links auf die blaue Markierung, die nach der Karte an einem Höhenrücken südwärts führt. Die ersten Meter lassen sich schon gut an – einmal kein (Laub)waldboden, sondern felsiger Untergrund und auf dem Weg feiner Kies – erinnern mich an die Alpen.

Plötzlich führt die Markierung in einen schmäleren Weg. Dieser verengt sich immer mehr, bis er handtuchbreit am Hang ohne nennenswerte Höhenunterschiede entlangführt. Ich genieße das vermeintlich kurze Glück – doch der Weg geht so weiter. Nach links schöne Aussicht, kurze Auf- und Abfahrten, aber alles fahrbar. So ähnlich muss der ewige Singletrack aussehen, auf den ich hoffentlich nach meinem Ableben von den Göttern geschickt werde. Erst nach mehreren Kilometern sind zwei ganz kurze Schiebepassagen angesagt, die stören mein Glücksgefühl nur wenig. Selten so gut gefahren!



Die notwendige Fahrt von Markierungsende in Sipkove über Vrboce nach Piestany auf der Landstraße ist weniger interessant. Schnell ist in Piestany eine Unterkunft gefunden (Pension „Solid“ – nomen est omen).

Nach der obligaten Fahrrad- und Körperpflege und der statistischen Notiz (88 km, 1775 Höhenmeter) wird die Fußgängerzone des Kurortes aufgesucht und nach drei Tagen wieder einmal so etwas wie städtisches Flair genossen. Beim Abendessen studiere ich wieder die Karte und beschließe, noch eine weitere Nacht in der gastlichen Pension zu verbringen und am nächsten Tag eine Tagestour (ohne Gepäck!) zu unternehmen, die einerseits dazu dienen soll, den Gebirgszug östlich des Waag-Tals kennen zulernen und mir andererseits auch die Möglichkeit eröffnet, den göttlichen Singletrack in der entgegengesetzten Richtung zu befahren.


4. TAG

Der Weg zur Burg von Süden nach Norden ist genauso fazinierend wie gestern. Kein Wunder: bis auf die zwei Schiebepassagen vor den höchsten Punkten werden keine nennenswerten Höhenunterschiede überwunden.

Nach 26 km ist die Burg erreicht und ich rüttle auf gröbstem Schotter direkt in den Ort Visnove (grüne Markierung westlich der Burg, der gelb markierte Weg auf der Ostseite ist zumindest zu Beginn unfahrbar) hinab. Dieses Stück dürfte auch eine geeignete Teststrecke für Feder- und Dämpfungselemente abgeben. Da ich mir die gestrige Schiebe/Trage-Passage Richtung Nove Mesto nicht noch einmal geben will, suche ich mit größerer Beharrlichkeit als am Vortag nach der zweiten gelben Markierung, die über den Höhenrücken Hole vrchy bergan führt und sich mit dem E 8 (nach dessen Steilstück) vereint. Beim letzten Haus zweigt unscheinbar der – nur mit gelbem Dreieck markierte – Weg ab und führt, wieder als Singel-Track mit angenehmster Steigung behutsam bergauf.

Kurz vor der Einmündung des E 8 noch ein paar leichte technische Einlagen (Steine bzw. quer liegende Äste). Bald erstaune ich den Kellner des Restaurants in Nove Mesto durch mein neuerliches Erscheinen.
Den Geschmack des Eiskaffees noch im Mund wird auf einer breiten Brücke die Waag überquert. Der östlich gelegene Gebirgszug Povazsky Inovec schaut von hier eigentlich nicht sehr schwer befahrbar aus, ich rechne mit einem flotten Vorwärtskommen, immerhin möchte ich heute noch den ganzen Kamm bis Piestany zurück abfahren.


Am Ortsende von Kalnica ist ein Parkplatz, ein Schilift und auch der Beginn der blauen Markierung, die den Schihang leider direkt bergauf führt. Kopfüber über den Lenker gebeugt wird mit der Untersetzung 20/30 der Schihang bezwungen, bis die Strecke auf dem Bergrücken verflacht und gemächlicher bergauf führt. Beim markierten Punkt „Polamany vrch“ sind schon 400 Höhenmeter überwunden. Kurz danach zwingt leider ein verblockter Hohlweg wieder einmal zum Schieben. Die blaue Markierung endet mit Erreichen des rot bezeichneten Weges, der laut Karte den ganzen Gebirgszug am Kamm entlang führt.



Noch einmal kurz bergauf schieben und der Berg Panska javorina ist erreicht. Die beiden Motorcross-Fahrer, die ich dort treffe, und die mit ihren Manövern den Waldboden aufwühlen, würden wohl jeden österreichischen Förster zum Infarkt treiben ...

Vor nicht allzu langer Zeit dürfte in dem Gebiet ein heftiger Sturm gewütet haben, jedenfalls liegen oft umgestürzte Bäume über dem Weg. Die dickeren Stämme zwingen zum Absteigen. Umso überraschender taucht in dem doch etwas unwegsamen Gelände ein einheimischer Mountainbiker auf, der sein mit Packtaschen bestücktes Rad über die Bäume hebt. Da der Kollege gut deutsch spricht, entwickelt sich eine kurze Unterhaltung, die bei der jeweils zurückgelegten Strecke beginnt und mit der Betrachtung der ökonomischen Situation der Slowakei endet.

Mehr Sorgen als diese macht mir aber momentan die Wetterlage. Im Westen bauen sich zunehmend dunklere Wolkentürme auf. Der zeitraubende Weg bis zur Hütte „chata Bezovec“ bietet das gesamte Spektrum des Tourenbikens auf wenigen Kilometern: mal Singeltrack, mal tolle Abfahrt, Forstweg schön und holprig, Wiese und Wald, mal gut fahrbar, mal muss das Rad über ein Hindernis gehoben werden....

So ist es schon 17 Uhr, als ich nach 67 km und 1700 Höhenmetern die unterhalb eines Schigebietes gelegene Hütte erreiche. Ein Blick auf die Wettersituation mahnt aber zur raschen Weiterfahrt. In der zunehmenden Hektik (ich wollte in der verbleibenden Tageszeit noch möglichst weit dem Kamm nach Süden folgen) habe ich auf einem Wiesengelände die Markierung verloren und lande nach einigem Herumirren und Markierungsuchen schließlich in der Siedlung Stara Lehota. Die folgende Asphaltabfahrt bietet zwar nicht die fahrtechnischen Feinheiten des Kammweges, dafür aber die beruhigende Gewissheit, keine weiteren zeitraubenden Überraschungen erleben zu müssen, was angesichts der Wetterlage auch nicht schlecht ist. Eine dunkle Wolkenwand treibt mich im Waag-Tal zu rennradähnlichem Tempo an.

Als ich nach 91 km im Quartier in Piestany ankomme, weist der Tacho 7 Stunden Fahrzeit aus. Die geplante komplette Rückfahrt im Gelände wäre sich aus Zeitgründen kaum ausgegangen. Der Schmerz über das versäumte Teilstück wird nach Abwarten des kurzen Regenschauers (das bedrohliche Aussehen der Wolken stand mit der Regenmenge in keinem Verhältnis) bei einem frisch gezapften Bier (um 12 Kronen !!!) hinuntergespült.

Das gleiche Bierlokal wird – wie ich am morgendlichen Gang zum Frühstück (in einem Lebensmittelgeschäft mit angeschlossener Imbissstube) festgestellt habe, auch schon um 7 Uhr morgens frequentiert . Vor Arbeitsantritt wird das zu erwartende Arbeitsleid mit einem (oder mehreren) Krügeln bekämpft – andere Länder, andere Sitten (oder so ähnlich).


5. TAG

Für die Rückfahrt habe ich mir eine schnelle Route ausgesucht – zwar nicht auf asphaltierten Strassen, der Karte nach wird es aber flott gehen. Die vorangegangenen Tage (vor allem der gestrige) machen sich schon langsam mit verminderter Leistungsfähigkeit bemerkbar. Trotzdem sind auf dem Weg nach Hohenau noch ein paar Hügel zu überwinden. In Lajdovci verlasse ich die kaum gefahrene Straße Vrbove-Brezova und eine grüne Markierung führt mich auf Forstraßen fahrtechnisch schon fast zu einfach wieder zu der bereits bekannten Ortschaft Dobra Voda.




Kurzer Anstieg im Wald, kurze Abfahrt und schon ist das Ende der Markierung in Hradiste pod Vratnom erreicht. Die folgende Straßenetappe nach Senica wird nicht in die Hall of frame des Bikens eingehen, führt aber dazu, dass ich schon nach knapp drei Stunden Fahrzeit und 564 Höhenmetern am Hauptplatz bei einem Caffee Latte sitzen kann.

Die weitere Flachetappe durch das Schwemmland östlich der March verspricht rasches Vorwärtskommen. Gleich nach dem westlich des Ortes gelegenen Bahnhof beginnt eine rote Markierung, die erst außerhalb meines Kartenblattes irgendwo an der Hauptstraße Bratislava – Breclav enden dürfte – egal, ich schwenke sowieso vorher nach Norden.

Der erwartete Forstweg stellt sich auch sogleich ein, nur zweigt die Markierung bald (bei großen Baggerseen) nach links ab. Was ist das? Sand? Wie in Jesolo? 30 km von der österreichischen Grenze entfernt? Die Reifen wühlen tatsächlich im Sand. Die Kieferwälder ringsum in Kombination mit dem Boden erwecken den Eindruck, als müssten gleich Liegestuhlreihen und der flache Strand auftauchen.... In der Industrieanlage neben dem Weg dürfte - offenbar nicht wie ich erst vermutet habe - Schotter, sondern Sand für die Beach-Volleyball-Plätze Mitteleuropas aufbereitet werden...

Die folgende Etappe bis zum Erreichen der Asphaltstraße vor Lekarska Nova ves kann ich allen empfehlen, die für ihre Sahara-Durchquerung per Rad trainieren wollen. Immer wieder versinken die Reifen im losem Sand und so muss nach ein paar Metern wieder neu angetreten werden. Lästig im Hinblick auf das rasche Weiterkommen, aber konditionsfördernd.

Im Ort frage ich nur kurz nach der laut Karte weiterführenden blauen Markierung, werde aber sogleich auf Kaffee und Cola eingeladen. Mit rührendem Unverständnis wird mein Wunsch, offroad zu fahren, erst nach längeren Erklärungen akzeptiert (vorher wird immer wieder auf die Asphaltstraße verwiesen).

Die Strecke bis zum See Horna studena Voda ist dem soeben zurückgelegten Teil ähnlich, aber besser fahrbar, da weniger Sand auf dem Weg liegt. Immerhin verbreiten die Kieferwälder einen angenehmen Geruch und lange vor dem Erreichen des Sees kündigen im Wald versteckte Wochenend- bzw. Gartenhäuser von einem ausgedehnten Freizeitgebiet. Wäre das Wetter etwas besser, so würde der von der Straße zugängliche Badeplatz locken. Ich beschäftige mich aber wieder mit der Autokarte (das Gebiet wird durch meine Wanderkarten nicht mehr abgedeckt), um den darin eingezeichneten direkten Forstweg zum Grenzort Moravsky Svaty Jan zu finden.

In der winzigen Ortschaft Tomky führt eine Forststraße zuerst zu einem großen Bauernhof und dann zu einer Asphaltstraße, welche die Eisen- und Autobahn überbrückt. Ein letztes frisch gezapftes Bier in der Slowakei erscheint angesichts der wenigen Kilometer bis Hohenau vertretbar. Die Pontonbrücke über die March stellt eine letzte fahrtechnische Herausforderung dar (offiziell müssen Fahrräder über die Brücke geschoben werden), bevor der Bahnhof Hohenau erreicht ist (110 km, 790 Höhenmeter).

Gut, das war meine Mehrtagestour für heuer ...